Startseite Ernährung Vom Saft bis zur Hafermilch: Der Bio-Pionier Voelkel im Interview

Vom Saft bis zur Hafermilch: Der Bio-Pionier Voelkel im Interview

von Elisabeth

Wenn bei mir Saft auf dem Frühstückstisch landet, gibt es eigentlich nur einen Anbieter: Voelkel. Ob O-Saft oder Multi, alle Säfte, die ich bisher getrunken habe, haben mich geschmacklich überzeugt. Der Bio-Pionier aus dem Wendland ist aber längst nicht mehr nur klassische Natursafterei, sondern bietet auch Schorlen, Smoothies und ganz neu sogar Hafermilch an. Wie das zusammenpasst, was die Besonderheiten bei der Entwicklung neuer Produkte sind, wie das Familienunternehmen auf Foodtrends reagiert und vieles mehr, habe ich einen der Geschäftsführer, Jurek Voelkel, gefragt. In dem Interview habe ich einige auch für mich neue und spannende Dinge erfahren, die ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte. 

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Lieber Jurek, stell dich meinen Lesern doch bitte erst einmal kurz vor. Wer bist du und was machst du? 

Mein Name ist Jurek Voelkel, ich bin 29 Jahre alt. Ich lebe mit meiner Frau und meinen zwei Kindern im niedersächsischen Wendland. Meine Familie produziert seit vier Generationen Obst-und Gemüsesäfte in Bio- und Demeter-Qualität. In der Geschäftsführung unseres Unternehmens bin ich zuständig für den Bereich Marketing und Vertrieb. Mein Bruder Jacob ist der Werksleiter, mein anderer Bruder Boris verantwortet den Einkauf. David arbeitet in der Technik. Mein Vater kümmert sich in letzter Zeit vor allem um das internationale Geschäft und engagiert sich dafür, Bio voranzubringen.  

Seit wann gibt es das Unternehmen Voelkel und wie kam es zur Gründung?

Offiziell gegründet wurde die Firma 1936. Die Voelkel Idee, also mit „Verantwortung für Mensch und Natur“ zu produzieren entstand jedoch bereits 1919, als meine Urgroßeltern Margret und Karl den Entschluss fasten, ein Stück Land in unberührter Natur zu kaufen, um dort gemeinsam mit Gleichgesinnten neue Wege des gemeinschaftlichen Lebens und Arbeitens auszuprobieren. Sie waren quasi sowas wie die ersten deutschen Hippies. Viele Grundlagen der späteren Bio-Bewegung sind bereits in den 20er Jahren entstanden. Die Beiden waren zum Beispiel von Beginn an von den Ideen Rudolf Steiners zur biodynamischen Landwirtschaft begeistert, die ja letztendlich zur Gründung des Demeter-Verbandes führten.

Dann seid ihr ja echte Bio-Pioniere! Mittlerweile gibt es viele Säfte auch in Demeter-Qualität. Wieso ist euch das wichtig? Und werden bestehende Sorten zukünftig umgestellt?

Mit 40 Prozent Demeter-Anteil sind wir Deutschlands Demeter-Safthersteller Nummer Eins. Demeter bedeutet den Hof als lebenden Gesamtorganismus zu verstehen. Es geht also nicht nur darum, keine Pestizide zu verwenden, sondern um sehr viel mehr. Das beginnt beim langfristigen Humusaufbau, über den wesensgerechten Umgang mit Tieren bis hin zum empathischen respektvollen Wirtschaften mit Kunden und Partnern, um nur einige Aspekte zu nennen. „Gesunde Säfte aus gesunden Strukturen“ sagen wir immer. Am Ende geht es darum, eine enkeltaugliche Landwirtschaft zu ermöglichen. Jeder Griff zu einem Voelkel- oder Demeter-Produkt hilft Bauern dabei, dass sie naturverträglich und tierfreundlich wirtschaften können.

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Baut ihr euer Obst und Gemüse selbst an oder setzt ihr auf Zulieferer?

Wir bauen nicht selber an. Fördern aber internationale Anbauprojekte. Mein Vater ist zum Beispiel aktuell in Brasilien und besucht ein Demeter-Projekt, bei dem wir die Anpflanzung von 5.000 Mate Büschen in einer ehemaligen Soja-Monokultur finanzieren. Wir setzen darauf, durch eine faire und verlässliche Preispolitik sowie langjährige Partnerschaften, es Landwirten zu ermöglichen, besonders hochwertige Produkte herzustellen und trotzdem gut davon leben zu können.

Wieso? Was sind hier die größten Herausforderungen?

Bio ist nicht gleich Bio. Auch bei Bio gibt es auf Profit ausgelegte Monokulturen. Wir unterstützen gezielt Landwirte, die ganzheitlich agieren. Da spielt eben nicht nur das Gewicht der Ware eine Rolle, sondern eine Vielzahl weiterer Faktoren. Ob ein Gemüse zum Beispiel charaktervoll schmeckt und besonders gut verträglich ist bildet kein Weltmarktpreis ab. Ebenso wenig wird es  Bauern bisher vergütet, wenn sie ihre Angestellten fair entlohnen oder besonders gut mit ihren Tieren umgehen. Im heutigen Wirtschaftssystem ist all das ein „Luxus“ der den Bauern nicht vergütet wird. Wir setzen jedoch auf langjährige Partnerschaften und Bezahlung, die sich nicht nur an den Marktpreisen, sondern auch an den Bedürfnissen der Landwirte orientiert. Mein Bruder Boris, der bei uns in der Familie für den Einkauf zuständig ist, fragt die Produzenten nicht „Was willst Du“, sondern „Was brauchst Du“. Für uns lohnt sich das langfristig, denn in Jahren, wo Produkte knapp sind, bekommen eher wir die begehrte Ware zu vernünftigen Preisen. Das „soziale Bio“ ist ein ganz wichtiges Thema der Zukunft. Jeder Griff ins Regal ist in Zukunft auch eine Entscheidung für ein faireres Wirtschaftssystem. 

Tradition trifft auf Trends: Euer Sortiment ist inzwischen beachtlich groß und vielfältig. Wie entstehen bei euch Neuheiten?

Mein Vater reist durch die Welt und nervt uns Brüder so lange mit seinen Ideen bis wir nachgeben. Nein, Spaß beiseite. Unser Vater war immer schon ein Mann der Ideen und Visionen. Daher basieren wirklich viele Produkte auf einem Impuls, den Stefan irgendwann einmal gesetzt hat. So war es zum Beispiel bei unserem Haferdrink. Mein Vater hat fast zwei Jahre lang immer wieder gepredigt „Wir müssen einen Haferdrink in der Mehrwegflasche machen.“ Irgendwann hat Jacob zugestimmt, aber nur unter der Bedingung, dass wir das Produkt weiterdenken und Kritikpunkte  an bestehenden Haferdrinks wie „zu süß“ oder „zu pampig“ eliminieren. Das hat zum Glück geklappt. So geht das bei uns. Einer hat die Idee und trägt sie im Familienkreis vor. Dann gibt jeder für seinen Bereich Input. Und dann entscheiden wir nach Konsens. Unser Vorteil gegenüber globalen Konzernen ist, dass wir mit der Erfahrung aus 100 Jahren Familientradition entscheiden und nicht erst monatelang Marktforschung betreiben müssen. Und wir sind freier, weil wir nicht verpflichtet sind, Rendite für Shareholder zu erwirtschaften. Wir erlauben uns auch Fehler. Wir bringen pro Jahr 10 neue Produkte raus, dafür fliegen aber auch 5 wieder aus dem Programm.  Zum Beispiel echte Renner wie Rotkohlsaft oder der Smoothie mit Beeren, Grünkohl und Spinat.

Kannst du schon verraten, welche neuen Voelkel-Getränke uns in nächster Zeit erwarten?

Na ja, ohne zu viel verraten zu wollen: wir arbeiten gerade an einer Barista-Version des Haferdrinks. 

Für den neuen Möhrensaft kam eine fast in Vergessenheit geratene, samenfeste Sorte zum Einsatz. Wie kamt ihr darauf, diese nun zu verwenden? 

Mit der „Gochsheimer Gelben Rübe“ wurde in Deutschland vor einiger Zeit eine fast in Vergessenheit geratene, samenfeste Sorte wiederentdeckt. Auf Initiative der Real Food Foundation, einer Stiftung, die sich für ein erweitertes Verständnis von Lebensmittelqualität einsetzt und die Gelbe Rübe aus einer Handvoll erhaltenen Saatgutes vervielfältigt hat, baut jetzt der Demeter-Landwirt Friedhard Bühler die frischwürzigen Rüben in marktfähigen Dimensionen an. Die Real Food Foundation ist dann im letzten Jahr auf uns zugetreten und hat uns die Möhre gezeigt. Mein Bruder Boris ist im Vorstand des Kultursaat e.V. und war natürlich gleich Feuer und Flamme. Unsere „Sonnenmöhre“ ist jetzt eine tolle, frisch-zitronig schmeckende Ergänzung zu unserem Klassiker, dem „Feldfrischen Möhrensaft“. 

Die neue Hafermilch kommt in der Glasflasche daher – eine echte Innovation. Wie kommt man als Naturkostsafterei dazu, einen Haferdrink anzubieten? 

Wir kennen uns aus damit, Saft herzustellen. Ob Obst, Gemüse, Hanf oder Getreide macht da nur bedingt einen Unterschied. Und wir stehen für Mehrweg. Wir haben im letzten Jahr 15 Millionen Euro für die Inbetriebnahme einer zweiten Mehrweglinie investiert. Entgegen aller Markttrends übrigens, weil wir überzeugt sind, dass Glas-Mehrweg die ideale Lösung ist. Einen Haferdrink kann man  nicht einfach nur statt in Tetrapack in eine Glasflasche füllen. Das ist sehr viel komplexer. Einer der Gründe, warum es Hafermilch bislang nicht in Glas gab. Die bisherigen Hersteller wollten es nicht nur, sie konnten es vermutlich auch nicht. 

Wie war der Produktentwicklungsprozess und was war euch dabei wichtig?

 Wie gesagt – wir wollten nicht einfach nur einen weiteren Haferdrink machen. Wir haben uns genau angeschaut, was die Menschen an bestehenden Produkten kritisiert haben. Vielen waren diese häufig zu breiig, zu süß oder ließen sich gar nicht aufschäumen. Wir wollten all das vermeiden und stattdessen einen Haferdrink machen, der wirklich von der Konsistenz wie Milch ist. Ganz wichtig war noch: glutenfrei und ungesüßt. Das Tolle ist, all das haben wir jetzt und alle feiern besonders den Geschmack.

Reicht der Hafer aus Deutschland oder muss dieser importiert werden, um die Nachfrage nach der beliebten Kuhmilch-Alternative zukünftig zu bedienen? 

Wir beziehen unseren Hafer von einer lokalen Getreidemühle, die einen Großteil des für unseren Haferdrink verwendeten Hafers von regionalen Produzenten bezieht. Wie zum Beispiel von den Graf Bernstorffschen Betrieben, die gerade mal 5 Kilometer von uns entfernt produzieren. Unser Ziel ist den Anteil regionalen Hafers sogar noch zu erhöhen.

An einer Pflanze kommt man spätestens seit dem letzten Jahr nicht mehr vorbei: Hanf. Diese hat es auch bei Voelkel in die Flasche geschafft. Erzähl mal.

30 Kilometer von uns entfernt betreiben die Wöllners eine ökologische Landwirtschaft. Die sitzen da mehr oder minder in einer Sandkiste. Da wächst nicht viel. Daher sind sie irgendwann auf die Idee gekommen, Hanf anzubauen. Der kommt mit trockenen, nährstoffarmen Böden gut zurecht und wächst so stark, dass er jedes Beikraut überwuchert. Er ist damit ideal für Bio. Man braucht naturgemäß keine Herbizide oder Pestizide. Das Beste – Hanf bindet viermal so viel Co2 wie ein vergleichbarer Wald. Wir haben die Wöllners vor zwei Jahren kennengelernt. Da mussten sie gerade als Folge eines zu nassen und eines zu trockenen Jahres ein Erntefahrzeug verkaufen, um über die Runden zu kommen. Marius Wöllner hat damals einfach bei uns angeklingelt und gefragt, ob wir nicht Saft aus Hanf machen könnten. Wir haben natürlich erstmal gelacht, aber recht schnell haben wir gemerkt, dass eine BioZisch mit Hanf richtig gut schmeckt. Nicht so süß und mit einer interessanten grasig-frischen Note. Ich nenne sie immer „die Limo für Erwachsene“. Sie ist THC- und CBD-frei, macht aber trotzdem gute Laune. Die Idee hat so gut eingeschlagen, dass wir jetzt mehr mit Hanf machen. Da Hanf ein richtig guter veganer Proteinlieferant ist, haben wir gerade einen Hanf-Protein-Smoothie herausgebracht. Außerdem noch eine Kombucha mit Hanf und Maracuja. Das coolste daran ist, dass wir nicht nur ein nachhaltiges regionales Produkt fördern, sondern ganz direkt sehen können, wie eine Bauern-Familie damit faires und gutes Geld verdient. Ich mache meinen Job wegen solcher Erlebnisse. Das könnte ich in keinem Konzern der Welt erleben.

Und zum Schluss: Welches sind eure Bestseller und welches dein persönlicher Favorit? 

Das meistverkaufte Produkt ist die BioZisch Rhabarber, Bei den Säften ist es der Feldfrische Möhrensaft. Mein persönlicher Favorit ist derzeit unser Ingwer Shot. Der hat mich nicht nur ohne Erkältung durch den Winter gebracht, sondern macht auch vom Geschmack her süchtig. 

Na, habt ihr jetzt auch Lust auf die leckeren Voelkel-Neuheiten bekommen? Dann ab zum nächsten Bioladen. Lasst es euch schmecken!

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1 Kommentar

sina 18. März 2020 - 10:53 pm

Die neue Hafermilch habe ich auch schon im Biomarkt entdeckt und gleich mitgenommen. Endlich eine in Glas 😉

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