Startseite Naturkosmetik Ist clean das neue green? So entwickelt sich der Naturkosmetik-Markt

Ist clean das neue green? So entwickelt sich der Naturkosmetik-Markt

von Elisabeth

Man kommt gar nicht mehr hinterher. Nahezu im Wochentakt schießen neue Naturkosmetik-Marken aus dem Boden, gleichzeitig bringen Konzerne neue Produkte mit grünem Anstrich auf den Markt. Natürlich, nature, biologisch abbaubar, ohne Silikone, parabenfrei, tierversuchsfrei, vegan und verpackt in recyceltem Plastik sind hierbei wohl die gängigsten Schlagworte. Auch die Übernahmen von Naturkosmetikmarken durch konventionelle Großunternehmen sind mittlerweile an der Tagesordnung. Was ist dann noch „echte“ Naturkosmetik? Und wie grün muss unsere Kosmetik überhaupt sein? Sollen wir weiterhin schwarz-weiß malen oder haben wir bald nur noch naturnahe Kosmetik? 

clean beauty = green beauty?

Werden Großkonzerne immer nachhaltiger?

Ich erinnere an Unilever und Schmidts oder L’oreal und Logocos – diese Übernahmen sorgten hierzulande in den letzten Jahren für ordentlich Furore. Kann man diese Marken als echter Naturkosmetik-Verfechter überhaupt noch reinen Gewissens verwenden, wenn diese doch jetzt zu Konzernen gehören, die im Kern alles andere als nachhaltig wirtschaften? Wollen wir die Produkte nutzen, weil wir diese gut finden und deren Natürlichkeit schätzen oder wollen wir das Unternehmen dahinter unterstützen, deren Philosophie wir teilen? Schwierig, wenn diese eben so gar nicht nachhaltig ist. Müssen wir hier überhaupt so dogmatisch sein? Ist nicht die allgemein „grüne“ Entwicklung schon so viel Wert, dass wir jeden Zukauf und grünen Anstrich von Konzernen feiern sollten?

Sind wir in Deutschland vielleicht einfach zu strikt was Siegel, Unternehmensphilosophie und Transparenz angeht? In anderen Ländern haben Übernehmen noch viel größere Ausmaße und die Grenzen zwischen Naturkosmetik, Clean Beauty, naturnaher Kosmetik, und konventioneller Kosmetik verschwimmen noch viel viel mehr. Allen voran in Brasilien. Hier hat das Unternehmen NATURA & Co. Marken wie Aesop und The Body Shop (beides naturnah) gekauft. Dieser Fokus auf grüne Marken beflügelt den Konzern ungemein. In dem südamerikanischen Land kommt naturnahe Kosmetik auf sage und schreibe 30% Marktanteil, wohingegen Naturkosmetik lediglich Marktanteile von rund 1,5% besitzt. Auch in den USA kommen die dort so beliebten Clean Beauty Brands auf fast 7% und zertifizierte Naturkosmetik nur auf 2%. (Quelle: Contura Consulting & mixed greens)

Reicht dem Konsumenten also ein grüner Anstrich? Oder machen diese Marken einfach besseres Marketing? 

Greenwashing ist vorprogrammiert

Mit Greenwashing ist allgemein der grüne Anstrich von gar nicht so nachhaltigen Unternehmen gemeint. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Verpackungen Natürlichkeit suggerieren, die gar nicht gegeben ist. Nur weil ein Shampoo ohne Silikone auskommt, in einer Creme pflanzliche Öle enthalten sind, eine Verpackung recycelten Kunststoff enthält oder diese einfach nur mit natürlich anmutender Gestaltung daherkommt, heißt das noch lange nicht, dass hier auch wirklich Natur drin steckt. Das ist Greenwashing. Was aber, wenn ein Konzern eine eigene zertifizierte Naturkosmetik-Linie lanciert (z.B. Garnier Bio) oder bestehende, zertifizierte Marken ins eigene Portfolio nimmt (s. L’Oreal kauft Logocos)? Für die einen ist auch dies Greenwashing, weil sich das Unternehmen dadurch mit nachhaltigen Werten schmückt. Da Zertifizierungen auf Produkt- und nicht auf Markenebene stattfinden, ist es nämlich möglich, dass eine Marke wie Garnier zertifizierte Naturkosmetik herausbringt, auch wenn die Marke an sich alles andere als grün ist.

Nicht umsonst sagt Ramon Stroik, Geschäftsführer der DACH-Märkte bei Weleda, auf dem Naturkosmetik-Branchenkongress im vergangenen Herbst über Garnier Bio: „Die haben nen echt guten Job gemacht.“ Weiterhin entgegnete er auf die Frage, ob er nicht Angst bekomme, wenn so große konventionelle Player in den Markt drängen: „Angst bekomme ich nur, wenn ich lese, dass pro Minute 30 Fußballfelder Regenwald abgeholzt werden. Das andere ist Business.“ Und auch Sebastian Wölke, Geschäftsführer von No Planet B, sieht die Entwicklung eher positiv: „Wir wollen nen kleinen grünen Anstoß bieten. Sollen alle mitmachen, wunderbar.

Ist clean also das neue green?

International betrachtet definitiv. Gerade wenn man sich den US-Markt ansieht. Hier spielt natürlich auch mit rein, dass der Begriff Naturkosmetik nicht geschützt ist und es keine einheitliche Definition gibt. So sind in den USA weit mehr Inhaltsstoffe für Naturkosmetik zugelassen als in Deutschland. Was dort als Naturkosmetik gilt, ist es hierzulande also noch lange nicht. Für diese Problematik wird Konsumenten Naturkosmetik-Siegel als Orientierung geboten. Aber auch diese unterscheiden sich wiederum in ihren Kriterien. So sind nach dem Cosmos-Standard rund 12.000 Rohstoffe zertifizierbar, nach Natrue aber gerade einmal um die 300. (Quelle: naturkosmetik konzepte).

Ist das jetzt gut oder schlecht?

Negativ ist definitiv, dass diese Uneinheitlichkeit immer wieder zu Konflikten führt. Nicht nur für den Endkunden, wenn er vor Regalen steht oder online stöbert. Denn wer kann und will schon die INCI-Listen entziffern? Aber auch für Händler stelle ich mir die Wahl der „richtigen“ Marken gar nicht so easy vor. Insbesondere wenn man marketingtechnisch aufgeladene US-Brands hierzulande anbieten möchte. Als Beispiel möchte ich hier gerne die gehypten Marken Kjaer Weis und RMS Beauty anbringen. Beides Naturkosmetik-Marken – oder doch nicht? Die Inhaltsstoffe der Brands sehen toll aus. RMS wirbt selbst damit, dass man deren Inhaltsstoffe sogar essen könne. Verwundert war ich umso mehr, als ich in dem Highlighter-Stick „MultEYEtasker“ Silikone entdeckt habe (Inhaltsstoff Trimethicone). Wer möchte diese bitte essen? Und bei Kjaer Weis kommt im roten Lippenstift ein synthetische Farbstoff vor. Hmm. Der Rest stimmt allerdings. Obendrein kommen die Verpackungen ohne Plastik aus und sind teilweise sogar nachfüllbar. Was nun? Schwarz-Weiß oder doch sehr viel Grau?

Fakt ist, dass konventionelle Konzerne, die eigene Naturkosmetik herausbringen, diese zukaufen oder lediglich naturnahe Produkte im Sortiment haben, ganz anderes Marketing fahren können. So wundert es nicht, dass Marken wie bareMinerals (gehört zu Shiseido), Aveda (Estee Lauder) und Kiels (Unilever) international bekannt und beliebt sind. Was zertifizierte Naturkosmetik betrifft, schaffen das nur wenige große Player wie Weleda und Dr. Hauschka. 

Fakt ist aber auch, dass grüne Kosmetik somit allgemein eine größere Aufmerksamkeit erhält und Konsumenten sensibilisiert werden. Ohne die Masse zu erreichen, wird sich nie etwas ändern, weshalb ich eine allgemein grünere Entwicklung als positiv ansehe. Daher bringt Verteufeln wenig, denn dadurch grenzt man aus. Dabei brauchen wir nicht Ausgrenzung sondern Inklusion. Denn auch der Griff zu Garnier Bio ist allemal besser, als sich Unmengen Mineralöl, Mikroplastik Konservierungsmittel und Co. auf die Haut zu schmieren, wie sie immer noch in vielen konventionellen Produkten enthalten sind.

Fazit

Was ist konventionell und was ist Bio? Wer stellt auf Clean Beauty um oder kauft zertifizierte Marken auf? Die klaren Grenzen der Naturkosmetik verschwinden. Das kann man kritisieren und verteufeln. Nachhaltiger wäre aber der Dialog. Denn wer einmal mit Naturkosmetik begonnen hat, wird sich tiefer in die Materie begeben und anfangen zu verstehen, warum ich hier seit vielen Jahren darüber schreibe und ihr es lest – es ist eine Herzensangelegenheit. Dazu gehört einmal der Blick auf meinen Körper, der mit natürlichen Inhaltsstoffen und dem Verzicht auf potentiell schädliche Ingredienzen bestens auskommt. Aber auch mit Blick auf die Umwelt liegt es mir fern, Beauty-Produkte zu nutzen, die dieser offensichtlich schaden.

Das könnte dir auch gefallen

11 Kommentare

Maria 26. Januar 2020 - 12:47 pm

Liebe Elisabeth,

das hast du schön auf den Punkt gebracht. Ich finde die Sache mit dem Greenwashing auch problematisch, wobei es aber auch tatsächlich irgendwie postitiv ist, dass L‘Oreàl & Co mittlerweile auf Naturkosmetik setzen. Auch wenn es aktuell vielleicht nur ein Marketing-Trend zu sein scheint, kann es doch die zukünftige Beautywelt positiv beeinflussen. Vielleicht merken die großen Konzerne dabei ja, dass ihre Bio-Linien besser ankommen und verzichten irgendwann einmal komplett auf künstliche/schädliche Inhaltsstoffe und Tierversuche etc…

Ich selber habe leider auch erst viel zu spät gemerkt, was ich meiner Haut tagtäglich mit konventioneller Kosmetik antue, bin aber nun endlich komplett auf Naturkosmetik umgestiegen – auch dank der Unterstützung deines tollen Blogs. 😉 Vielen Dank dafür und mach weiter so!

Liebe Grüße,
Maria

Reply
Elisabeth 27. Januar 2020 - 2:25 pm

Hallo Maria, toll, dass du auch schon auf Naturkosmetik umgestiegen bist. Es freut mich sehr zu hören, dass ich dazu einen Teil beisteuern konnte 🙂 Lg, Elisabeth

Reply
Katharina 26. Januar 2020 - 4:11 pm

Liebe Elisabeth,
herzlichen Dank für deinen interessanten Beitrag. Ich lese deine Artikel nun schon länger, kommentiere aber heute zum ersten Mal. Was ich problematisch sehe, ist, dass große Konzerne auf die Natur- und Bioschiene aufgesprungen sind, da „natürliche“ Produkte, die angeblich keine Silikone etc. enthalten, derzeit einfach gehypt werden und jeder ein Stück vom Kuchen abhaben möchte. Wenn ich als Kundin zu Müller oder zu DM gehe, muss ich mich durch einen richtigen Kosmetikdschungel kämpfen. Viele Verpackungen sind grün, überall werden die Worte „natürlich“, „biologisch“, „ohne Parabene“ etc. verwendet – auch wenn das meist nicht der Wahrheit entspricht. Ich denke, dass vom Gesetzgeber strengere Regeln eingeführt und die Begriffe Biokosmetik und Naturkosmetik geschützt werden müssen. Zertifizierungen müssen unabhängig sein und nicht von den Firmen selbst erstellt werden dürfen. Für mich ist es mit der Kosmetik ein bisschen wie mit dem Bio-Fleisch. Der Konsument wird getäuscht. Unter Bio-Fleisch stellte ich mir vor, dass Hühner und Kühe auf grünen Wiesen herumtollen dürfen, aber das war reiner Irrglaube. Wenn ich mich richtig erinnere, haben sie 1m² mehr Platz als jene Tiere, die industriell aufgezogen und getötet werden.
Ich gebe dir allerdings recht, dass es wichtig ist, dass auch die großen Player immer nachhaltiger produzieren und die Inhaltsstoffe ihrer Produkte überdenken. Aber das soll dann bitte nicht nur für eine kleinen Teil, sondern für alle Produkte gelten.
Ich für meinen Teil habe mich nun jahrelang durch diverse Inci-Listen gekämpft, mich weitergebildet und betreibe nun gemeinsam mit meiner Schwester und meinem Lebenspartner einen kleinen Onlineshop (www.thinkbio.at). Wir wissen wo die Produkte herkommen, wir haben die Manufakturen selbst besucht und diese sind auch sehr entgegenkommend, was die Wünsche ihrer KundInnen betrifft. Langsam werden die Verpackungen auf Glas und Zuckerrohr umgestellt und man arbeitet eng mit Dermatologen, Onkologen, Biologen und Chemikern zusammen. Ich denke wirklich, dass alles, was der Mensch braucht, in der Natur zu finden ist und dass wir lieber einen Schritt zurück machen sollten, uns bewusst werden, was wir wirklich brauchen und in welchen Mengen. Dann werden vielleicht auch moderne Volkskrankheiten wieder weniger werden…

Reply
Elisabeth 27. Januar 2020 - 2:35 pm

Hallo Katharina, erst einmal vielen Dank für deinen (ersten) Kommentar! Ich gebe dir absolut Recht: Transparenz ist ein super wichtiges Thema! Leider werden wir Konsumenten noch viel zu oft hinters Licht geführt. Bzw. muss man sich selbst schon ziemlich gut auskennen, um den Überblickte zu behalten und echte Naturkosmetik zu erkennen. Das stelle ich mir absolut nicht leicht vor, wenn man im Drogeriemarkt einfach mal ein Duschgel kaufen will und nicht auf Siegel, Inhaltsstoffe und Co. spezialisiert ist.
Dass du das Thema Bio-Fleisch ansprichst finde ich auch gut. Ich denke, viele haben hier die Vorstellung von frei weidenden Kühen. Den Unterschied bei Bio macht auf jeden Fall das Futter und dass nicht präventiv Antibiotika gegeben werden. Am besten kauft man Fleisch nur von Demeter-Höfen oder anderen Betrieben, wo man die Zustände kennt.

Dass was du da auf die Beine gestellt hast, klingt toll. Wäre natürlich wünschenswert, wenn das alle so handhaben würde. Das ist auch meine Vorstellung von Wertschätzung, Qualität und Nachhaltigkeit. Und interessant, dass du auch noch das Thema Krankheiten ansprichst. Hier spielt auch insbesondere unser Zuckerkonsum eine Rolle, wozu ich gerade eine Artikel-Reihe plane.

Liebe Grüße
Elisabeth

Reply
Nela 27. Januar 2020 - 8:56 pm

Liebe Elisabeth,
unabhängig von diesem Artikel (aber er ist ein Paradebeispiel!): du machst einen großartigen Job mit deinem Blog! immer gut recherchiert, vielseitig, kontrovers, wirklich toll! Danke!

Reply
Elisabeth 27. Januar 2020 - 9:10 pm

Wow, vielen lieben Dank für dein Feedback!!!

Reply
Carmen 28. Januar 2020 - 12:07 am

Liebe Elisabeth,
vielen Dank für den tollen Artikel. Hier wurde schon viel geschrieben, dass mir auch durch den Kopf ging und auch noch geht.
Ich hoffe im positiven Sinne auf die Zukunft und das Produkte immer besser werden.
Ich lese auch ein paar konventionelle Blogs. Da finde ich manches Bashing in Richtung Naturkosmetik echt erstaunlich. Mir geht’s mit der Natur ganz allgemein (Ernährung etc. schon immer) besser. Aber es hat halt auch mit der persönlichen Wahrnehmung oder dem Umfeld oder dem Wohlfühlgefühl oder oder zu tun.
Also nochmals Danke!
LG Carmen

Reply
Elisabeth 29. Januar 2020 - 10:39 pm

Liebe Carmen, ich weiß genau was du meinst, mir geht es „mit der Natur“ im Allgemeinen auch besser! Viele Grüße

Reply
Krissi 29. Januar 2020 - 12:10 pm

Liebe Elisabeth,

vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Hast du schon mal was von „Naturkosmetik München“ gehört? Dort bin ich letztendlich gelandet, nicht nur wegen der Inhaltsstoffe, sondern auch weil man sich seine Kosmetik selber herstellen kann. Das ist das beste was mir je passiert ist und ich möchte es in meinem Badezimmer nicht mehr missen.

Liebe Grüße
Krissi 🙂

Reply
Elisabeth 29. Januar 2020 - 10:40 pm

Hallo Krisis, danke für dein Feedback und den Tipp. Kannte ich bisher noch nicht, gucke ich mir aber mal an. Lg

Reply
Melanie 28. Februar 2020 - 8:59 pm

Früher hätte ich gesagt, alles schlecht. Wenn es nicht 100 % grün ist will ich es nicht. Doch ehrlich gesagt, ist es ja anders kaum machbar. Wir leben jetzt zum Beispiel seit einem Jahr fast ausschließlich vegan. Daneben ist uns gesunde Ernährung wichtig, also möglichst kein Zucker und andere industriell verarbeitete Inhaltsstoffe. Trotzdem soll es natürlich manchmal schnell gehen. Würden wir jetzt noch auf Zero Waste und regionale Produkte bestehen, bliebe kaum etwas übrig was wir konsumieren könnten. Richtig heftig wird es dann, wenn man noch mit Freunden und Bekannten unterwegs ist, die alldem nichts abgewinnen können. Ich sehe das jetzt alles nicht mehr so streng. Bezogen auf die Konzerne hat sich daher meine Meinung auch geändert. Es ist doch schön, wenn zumindest ein kleiner Anfang gemacht wird und sie einen Teilaspekt verbessern.

Reply

Hinterlasse einen Kommentar

Mit der Nutzung der Kommentarfunktion akzeptierst du die Speicherung deiner angegebenen Daten. Weitere Infos findest du in meiner Datenschutzerklärung.

Diese Website benutzt Cookies. Wenn du die Website nutzt, gehe ich von deinem Einverständnis aus. Weitere Infos in der Datenschutzerklärung. Ok Datenschutzerklärung